Als die amerikanische Band Oh Honey vor kurzem ihre EP „Wish You Were Here“ veröffentlichte, wurde sie gefragt, wann ein ganze Album erscheine. „Heutzutage wartet niemand auf eine Album von dir, solang du nicht Adele heisst“ lautete die Antwort. Auf einem Album mögen die Zuhörer laut Oh Honey höchstens vier Songs, wenn du Glück hast. So ist die aktuelle EP die dritte in einer Serie von vier. Die Postcard-Series, wie sie Oh Honey nennt. „Wir sind eine neue Band, die unterwegs ist und immer noch an unseren Wurzeln arbeitet.“ Anstatt also ein Album rauszubringen und zu sagen, das ist es nun für die nächsten zwei Jahre, sei es deshalb sinnvoller alle vier Monate neue Musik zu bringen.
Oh Honey sind nicht die Einzigen, die anstelle eines Albums auf EPs setzen. Die Band Radio Days aus Holland kündigte im Interview mit miwi.ch Anfang Februar ähnliche Überlegungen an: „Alle zwei Jahre ein neues Album zu veröffentlichen scheint uns ein antikes Business-Modell zu sein und wir wollen dem nicht unbedingt folgen.“ Die Band plant deshalb eher ein- bis zweimal pro Jahr fünf Songs zu veröffentlichen.
Auch in der Schweizer Musikszene gibt es offenbar ähnliche Überlegungen. Als der Basler Singer/Songwriter David Blum alias Don’t Kill The Beast letzte Woche mit „Ain’t No Nothing“ bereits seine zweite EP innert wenigen Monaten veröffentlichte, wollte Radio Virus von der Plattenfirma wissen, wann das Album folge. Dieses sei noch nicht geplant. Gut möglich also, dass Blum ein ähnliches Rezept verfolgt, wie die internationalen Newcomer.
Eine EP-Serie hat gegenüber dem Album auch in der Produktion entscheidende Vorteile: Ein paar Songs aufzunehmen kommt wesentlich günstiger, ausserdem generiert die Veröffentlichung ein regelmässigeres Einkommen. Startet der Albumverkaufpreis auf den digitalen Verbreitungskanälen heute bei knapp über zehn Franken, kann für eine EP schon einmal sechs bis acht Franken verlangt werden. Mehrfache kleiner Beträge schrecken wohl in einer Musikwelt, in der viele einfach nur gratis konsumieren wollen, auch weniger ab.
Der Trend hat natürlich auch eine Kehrseite, zumindest für Musikliebhaber, die gerne ab und zu noch ein Album mit einem schön gestalteten Cover in der Hand gehalten haben. Doch die Gruppe derer wird wohl so oder so immer kleiner.
